Gewalt gegen Abtreibungskliniken – ein evangelikales oder konservativ-katholisches Problem?
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Nach einem Jahrzehnt Ruhe ist in den USA wieder ein Abtreibungsarzt erschossen worden. Scott Roeder erschoss den vielleicht bekanntesten Abtreibungsarzt Dr. Georg Tiller in Wichita (Kansas) vor seiner Kirchengemeinde.
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Aktualisierung im August 2009:

Nach einem Jahrzehnt Ruhe ist in den USA wieder ein Abtreibungsarzt erschossen worden. Scott Roeder erschoss den vielleicht bekanntesten Abtreibungsarzt Dr. Georg Tiller in Wichita (Kansas) vor seiner Kirchengemeinde.

Was ändert der neue Fall an meinem Gutachten, dass ich 2008 verfasst habe? Auch wenn mir bisher nur die Medienberichterstattung aus den USA vorliegt und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft noch nicht abgeschlossen sind, kann man vorläufig Folgendes feststellen.

1. Wenn nach einem Jahrzehnt wieder ein Mord geschieht, bedeutet das weiterhin, dass Millionen von Evangelikalen und Katholiken in den USA und Hunderte Millionen Evangelikale
und Hunderte Millionen Katholiken weltweit, die Abtreibung ablehnen, völlig friedlich ihre Sicht vertreten! 51% der Amerikaner sind nach der neusten Umfrage Gegner der Abtreibung. 120 Millionen sind es friedlich, einer nicht, Grund genug, für die Presse, alle in einen Sack zu ‚hauen‘.

2. Eine Zuordnung des Täters Scott P. Roeder zum evangelikalen oder katholischen Bereich wird von keinem Fachmann vorgenommen. Bisher konnte noch nicht einmal – genauso wie bei den Tätern der 1990er Jahre – überhaupt eine Verbindung zu den großen Antiabtreibungsorganisationen hergestellt werden. Wenn der Atheistenblog

http://blasphemieblog.wordpress.com schreibt: „Mordanschlag: bibeltreuer Christ erschießt Abtreibungsarzt“, dann ist das reine Verleumdung.

Dass der Täter wohl einen Eintrag auf der Webseite von ‚Operation Rescue‘ hinterlassen hat, woraus auch etwa die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung durch die Hintertür die erwünschte Verbindung herstellen wollen, besagt zunächst ja nichts, da heute jeder in jedem offenen Blog mitschreiben kann. Operation Rescue lässt alle Mitarbeiter eine Gewaltverzichtserklärung unterschreiben, hat den Eintrag gelöscht und den Mord an Tiller aufs Schärfste verurteilt.

3. Nach allem, was man sagen kann, gehört der Täter wie frühere Täter vom Ku-Klux-Clan der rechtsradikalen Szene an und ist früher schon von einem Gericht nach einer 16monatigen Haftstrafe als geisteskrank eingestuft worden („Symptome der Schizophrenie“). Seine von ihm geschiedene Frau bestätigt beides. Roeder gehörte Mitte der 1990er Jahre der sogenannten ‚Freeman‘-Bewegung an, die anstelle des Obersten Gerichts der USA einen eigenen Obersten Gerichtshof einrichtete und Regierung und Gesetze der USA bekämpfte. Roeder, so die Tageszeitung Die Welt, „gehörte in seinem paranoiden Leben so ziemlich jeder Bürgerwehr an, die Amerika zu bieten hat“.

Das Opfer Georg Tiller ist übrigens – ohne damit den Mord irgendwie beschönigen zu wollen – wie seine Gegner ein typisches Beispiel dafür, wie viel aggressiver und kulturkampfartiger solche Debatten in den USA ausgetragen werden, hat er doch ebenso wie seine Gegner das Fernsehen nicht nur zur Werbung für seine Spätabtreibungsklinik genutzt, sondern auch zu angriffigen Plädoyers für die Spätabtreibungen. Er war, wie die Tageszeitung Die Welt schreibt, „starrsinnig wie seine Feinde“.

Man sollte auch nicht verschweigen, dass gegen Tiller Verfahren zur Aberkennung der medizinischen Lizenz liefen und er deswegen unter strenger staatlicher Aufsicht des Staates Kansas arbeitete. Man mag kritisieren, dass er von Prozessen überzogen wurde, aber das ist in Amerika bei allem und jedem so. Tiller war landesweit wegen seiner Konzentration auf Spätabtreibungen auch bei vielen prinzipiellen Abtreibungsbefürwortern umstritten. Er war einer von drei Ärzten in den USA, die Abtreibungen bis zur Geburt durchführten. Deswegen fand sich für die von ihm geleitete Klinik auch kein Nachfolger, weswegen sie nach seinem Tod geschlossen wurde (http://articles.latimes.com/2009/jun/10/nation/na-tiller10).

Zu meinem Gutachten sei noch ein Zitat des völlig unverdächtigen Kritikers der Evangelikalen, dem Münchner Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte Michael Hochgeschwender, angeführt:

„Allerdings wird man sich davor hüten müssen, den Anteil von Gewalttätern innerhalb der neofundamentalistischen Szene zu hoch anzusetzen. Auf dem absoluten Höhepunkte der Bombenattentate im Jahre 1994 starben vier Menschen, insgesamt kamen in den neunziger Jahren sieben Menschen bei Angriffen auf Abtreibungskliniken ums Leben. Verglichen mit dem allgemeinen Gewaltniveau der amerikanischen Gesellschaft oder selbst verglichen mit dem Gewaltpotential der extremen Rechten in den USA fielen die Neofundamentalisten kaum aus dem Rahmen. Darüber hinaus waren die meisten Täter pathologische Persönlichkeiten. Darin wichen sie von ihrem Sympathisantenumfeld nicht ab. Die absolute Mehrheit der Neofundamentalisten, mehr als 95 Prozent, verhielt sich demgegenüber bei aller verbaler Militanz systemkonform und griff, trotz der Tradition der extralegalen Volksgewalt in den USA, nicht auf terroristische Gewalt zurück. Religiöser Fanatismus allein führte gerade nicht notwendig in den Terrorismus. Prägnanter formuliert: Es gab gewalttätige Fundamentalisten, aber keinen gewalttätigen Fundamentalismus.“ (Michael Hochgeschwender. Amerikanische Religion: Evangelikalismus, Pfingstlertum und Fundamentalismus. Frankfurt: Verlag der Weltreligionen, 2007. S. 199)

Der zitierte Artikel „Tod eines Überzeugungstäters“ vom 2.6.2009 in ‚Die Welt‘ findet sich in ähnlicher Form unter http://www.welt.de/politik/article3841681/Dr-Tiller-Opfereines-amerikanischen-Kulturkampfs.html
Neue Zürcher Zeitung: http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/ein_mord_fuer_das_ungeborene_leben_1.2689085.html
Zu Georg Tiller: http://en.wikipedia.org/wiki/George_Tiller
Anklageschrift gegen Scott P. Roeder: http://news.findlaw.com/hdocs/docs/abortion/kansas-roeder60209murder.html
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Posted : 2012-04-13 05:59:25 GMT
Author/Authors : Prof. Dr. phil. Dr. theol. Thomas Schirrmacher
Publishers : Internationales Institut für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz
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